Interview mit Dr. Martin Schilling, Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Rhein-Sieg und Holger Hürten, Vorstandsmitglied, zum Thema Filialpolitik

14.08.2015

Holger Hürten

Wie stellt sich Ihre Filialstruktur heute dar?

Holger Hürten: Die VR-Bank Rhein-Sieg ist mit 23 Filialen in den sechs Kommunen Siegburg, Troisdorf, Niederkassel, Lohmar, Sankt Augustin und Neunkirchen-Seelscheid vertreten. Drei dieser Geschäftsstellen sind nur vormittags geöffnet. Außerdem verfügen wir über drei SB-Stellen mit Geldautomat und Kontoauszugsdrucker und über weitere drei Geldautomaten-Standorte.

 

Wie häufig unterziehen Sie Ihr Filialnetz einer Überprüfung?

Holger Hürten: Unser Filialsystem ist ein atmendes System, welches immer wieder überprüft werden muss. Ein Zwei- bis Drei-Jahres-Turnus erscheint in der heutigen schnelllebigen Zeit angemessen. Denn bei all unserem Handeln wollen wir vermeiden, zu Veränderungen gezwungen zu sein. Vorausschauend auf die Zukunft und deren Herausforderungen zu blicken, ist unser Ansatz. Die Veränderung der Öffnungszeiten bei drei unserer Filialen auf die Vormittagsstunden war übrigens das Ergebnis unserer Überprüfung vor drei Jahren. Unsere Kundenfrequenzmessungen hatten nahe gelegt, die betroffenen Filialen vielleicht sogar zu schließen. Durch die geänderten Öffnungszeiten haben wir eine Schließung vermieden und sind somit vor Ort präsent geblieben. Wir bieten weiterhin Service vor Ort und sind Teil des Wirtschaftslebens. Das Thema Öffnungszeiten stand auch in diesem Jahr auf unserer Agenda und wird mit noch längeren Zeiten zum 1. Oktober umgesetzt. Erstaunlich, wo doch der Trend eher zu Schließungen oder verkürzten Öffnungszeiten geht. Insgesamt bieten wir unseren Mitgliedern und Kunden dann vier weitere Stunden Präsenzzeit an. Mit Ausnahme der drei Halbtags-Geschäftsstellen öffnen zukünftig alle Filialen montags bis 18:00 Uhr, dienstags und mittwochs bis 17:00 Uhr und donnerstags sogar bis 19:00 Uhr. Die Hauptstelle in Siegburg bleibt mittags durchgehend geöffnet. Alle Filialen starten um 9:00 Uhr, schließen mittags zwischen 12:30 und 14:00 Uhr und sind freitags bis 16:00 Uhr ansprechbar. Die erweiterten Öffnungszeiten wollen wir dazu nutzen, unseren Mitgliedern und Kunden mehr Zeit für Beratungsgespräche anbieten zu können. Selbstverständlich können auch weiterhin individuelle Beratungstermine außerhalb der üblichen Öffnungszeiten vereinbart werden.

 

 

Dr. Martin Schilling

Welche Rolle spielt die Rentabilität der einzelnen Filiale bei Ihren Überlegungen?

Dr. Martin Schilling: Natürlich betrachten wir die Rentabilität jeder einzelnen Geschäftsstelle, aber entscheidend ist für uns die Gesamtbanksituation. Hier müssen wir uns mit Fragen beschäftigen, wie viele Filialen wir uns insgesamt leisten können? Wie sinnvoll ist der Standort, aus unserer Sicht, aber auch aus dem Blickwinkel der Menschen, die dort leben? Gerade letzteres betrachten wir als hohe Verantwortung für die Gemeinschaft. Schließt auch noch die Bankfiliale in einem Ort hat dies häufig zur Folge, dass ganze Dörfer zu reinen „Schlafstädten“ mutieren. Als Folge solcher Entwicklungen konnten wir schon deutliche Rückgänge bei den Immobilienwerten feststellen. Auch gilt es abzuklären, wie intensiv der stationäre Vertrieb an den jeweiligen Standorten in Anspruch genommen wird. Hierbei geht es nicht um die Nutzung unserer SB-Geräte in den 24-Stunden-Foyers, sondern um das Abrufen von Beratungszeiten.


Warum bieten Sie Ihren Kunden im Zeitalter des Internetbankings überhaupt noch Präsenzzeiten an?

Dr. Martin Schilling: Auch wir gehen mit der Zeit und bieten unseren Kunden über den Online-Vertriebskanal all das an, was auch andere Banken zur Verfügung stellen. Darin unterscheiden wir uns gar nicht. Der richtige Mix aus Präsenz- und Online-Banking scheint uns allerdings die perfekte Lösung. Denn Standards, wie sie im Internet angeboten werden, passen nun mal nicht auf jede Lebenssituation. Wir sind aber fest davon überzeugt, dass es viele Anlässe im Lebenszyklus gibt, bei denen man auf kompetente und erfahrene Profis vertrauen sollte. Zum Beispiel bei der Baufinanzierung, die man in der Regel nur ein einziges Mal in seinem Leben in Anspruch nimmt. Hier einen vertrauensvollen Ansprechpartner zu haben, der einen über viele Jahre begleitet, ist nicht nur ein gutes Gefühl, sondern verschafft auch viele Vorteile. Oder das wichtige Thema Altersvorsorge. Wer kennt sich schon im Wirrwarr der Anlagemöglichkeiten aus? Eine individuelle Beratung, abgestimmt auf die persönlichen Bedürfnisse eines jeden Einzelnen, kann kein Abschluss im Internet bieten.

Letztendlich entscheidet also der Kunde, ob unsere Filialen auch in Zukunft eine Berechtigung haben. Er übernimmt mit seiner Nutzungsintensität und der Bereitschaft, Kontoführungsgebühren zu zahlen, quasi die Funktion des Steuermanns unserer Filialpolitik. Dafür bieten wir aber auch viel mehr als eine Internetbank. Wir machen unseren Slogan „Nähe ist uns wichtig“ nicht nur im täglichen Bankgeschäft zum Programm, sondern auch bei unserem Engagement für die Region.  

 

Welches Fazit ziehen Sie?

Dr. Martin Schilling: Wenn der Kunde bereit ist, Service zu nutzen und dafür zu bezahlen und die Bank verantwortungsvoll kalkuliert und wirtschaftet, können wir auch in Zukunft an unserem Filialsystem festhalten. Unsere Geschäftsphilosophie wird weiterhin durch das Kundengeschäft geprägt sein. Damit wollen wir unser Geld verdienen und nicht mit Zockergeschäften an den Geld- und Kapitalmärkten. Wir arbeiten fair mit unseren Mitgliedern und Kunden zusammen, so dass diese bereit bleiben, unsere Leistungen und unseren Service zu entgelten. Dazu gehört auch, dass wir transparent und partnerschaftlich unterwegs sind und den Blick auf die Region nicht verlieren. Also, eine klare „win-win-Situation“ für unsere Kunden, die Bank und deren Mitglieder.