„Gelebte Integration“

Frauenpower-Veranstaltung der VR-Bank Rhein-Sieg

17.05.2018

500 Frauen lauschten der Geschichte über einen syrischen Arzt, der 2014 als Flüchtling nach Deutschland gekommen war. Die Geschichte des scheinbaren Musterflüchtlings verlas Andrea Schrahe, Abteilungsdirektorin Marketing/ Öffentlichkeitsarbeit, zu Beginn der achten Frauenpower-Veranstaltung der VR-Bank Rhein-Sieg im Cineplex in Siegburg. Der Exkurs in das Leben des jungen Mannes sollte ein Beispiel dafür sein, dass Integration ein vielfach ausgesprochenes Wort ist, welches aber in der Praxis nicht leicht umzusetzen ist. Sie hob hervor, dass Integration eine der großen Aufgaben unserer Gesellschaft ist und dass der wesentliche Schlüssel zum Erfolg die Sprache ist. Und genau diese kann man nicht nur in Sprachkursen lernen, sondern genauso durch verschiedenste Formen der Teilhabe an gesellschaftlichem Leben. So kann Sport ein erfolgversprechender Weg für die einen sein, für die anderen vielleicht das gemeinsame Zubereiten von Speisen. „Beide Seiten müssen ihren Beitrag leisten, damit Integration gelingen kann“, lautete ihr Fazit.

In die Talkrunde hatte Andrea Schrahe vier Damen eingeladen, die auf unterschiedliche Weise mit Integration zu tun haben.

Claudia Hoffmann, Sozialpädagogin im Mehrgenerationenhaus Haus International in Troisdorf, arbeitet bereits seit Jahrzehnten vorwiegend mit Frauen und Kindern, die einen Migrationshintergrund haben oder als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. In der praktischen Arbeit hebt die 57-Jährige hervor, das generationenübergreifende Projekte in Form von Gemeinsamkeiten eine große Hilfe darstellen und vor allem auch Hemmschwellen dadurch überwunden werden können. „In solch einer lockeren Atmosphäre lernt sich Sprache viel leichter und Gemeinsamkeit wird zur Selbstverständlichkeit“, weiß Claudia Hoffmann. Trotzdem ärgert sie sich auch hin und wieder, wenn Menschen, vornehmlich Frauen, die schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben, sich immer noch dagegen wehren, die deutsche Sprache zu erlernen. Begründet wird dies vielfach mit fehlender Zeit.

Hafsa Ezzammouri ist in einer traditionellen marokkanischen Familie in Deutschland geboren und aufgewachsen. Die 19-Jährige hatte es in der Schule nicht immer leicht. So sollte sie auf eine Förderschule abgeschoben werden, denn man traute ihr nichts zu. Aber sie hat sich durchgebissen, auch durch die Unterstützung ihrer Familie. Hat ganz viel dafür getan, einen Schulabschluss zu erlangen und eine Ausbildungsstelle zu finden. Dass sie ein Kopftuch trägt, war bei der Ausbildungsplatzsuche kein Problem und bei ihrer Arbeit mit Menschen mit Behinderung schon gar nicht, denn „die sehen mein Kopftuch überhaupt nicht, sondern sind froh und glücklich, dass ich ihnen helfe“, führte die selbstbewusste junge Frau aus. „Ich bin sehr stolz darauf, heute eine Ausbildung als Heilerziehungspflegerin absolvieren zu können“, freut sich Hafsa Ezzammouri.

Mit zwei kleinen Kindern ist Helda Kakos im Jahr 2002 aus dem Irak geflohen. Eine Zeit, die sie nie vergessen wird, über die sie aber auch nicht gerne spricht. Die ersten Monate waren sehr schwer, da sie nur englisch sprach. Ihre 7-jährige Tochter entpuppte sich als sehr große Hilfe, denn sie lernte die deutsche Sprache spielerisch schnell. Anfangs war sie ohne Aufenthaltserlaubnis, sodass sie keinen Integrationskurs absolvieren durfte. Vier Jahre mussten sie und ihr Mann darauf warten. Seit 2016 ist Helda Kakos in der Flüchtlingsarbeit in Niederkassel tätig. Zunächst drei Monate als Leiterin der Flüchtlingsnotunterkunft in Lülsdorf. Aufgrund ihrer Arabischkenntnisse hatte die Irakerin schnell Zugang zu den Flüchtlingen, denn über 70 Prozent der Geflohenen in Niederkassel sind Araber. 2017 übernahm sie die Aufgabe der Flüchtlingsbetreuerin, absolvierte Hausbesuche und war Ansprechpartnerin für alle Fragen. Aktuell ist Helda Kakos als Flüchtlingskoordinatorin der katholischen Kirche Niederkassel-Nord und der Stadt Niederkassel tätig. „In dieser Funktion bin ich nach wie vor Ansprechpartnerin für die Flüchtlinge, kann aber auch selber Ideen einbringen und aktiv Angebote und Veranstaltungen anbieten“, erläutert die 43-Jährige Powerfrau.  

Die gelernte Sozialpädagogin Christel Neudeck gründete mit ihrem Mann Rupert Neudeck 1979 den Verein Cap Anamur Deutsche Notärzte e.V. und ist seit dem in der Flüchtlingshilfe aktiv. Erster Zweck des Vereins war die Rettung der sogenannten Boat People. 1,6 Millionen Vietnamesen flüchteten vor 30 bis 40 Jahren über das Südchinesische Meer und alleine 11.349 Menschen wurden von der Cap Anamur aus der See geholt. Einige davon landeten auch in Troisdorf, heute sind sie verstreut in ganz Deutschland. Wie dankbar die ehemaligen Flüchtlinge sind, zeigte sich gerade am vergangenen Wochenende, als zu Ehren von Rupert Neudeck an der Burg Wissem in Troisdorf ein Denkmal in Form einer Bronzetafel enthüllt wurde, gespendet von der vietnamesischen Gemeinde in Deutschland.
Die Flüchtlingsarbeit hat aber für Christel Neudeck nicht mit dem Drama im Südchinesischen Meer aufgehört. Im Gegenteil: Ihr ganzes Leben widmet sie dieser Aufgabe und alles vom heimischen Wohnzimmer aus. So lebt beispielsweise seit circa zwei Jahren ein junger Afghane mit in dem Reihenhaus in Troisdorf-Spich.  
Christel Neudeck betrachtet dieses gemeinsame Leben auf engstem Raum als eine Win-win-Situation, denn: „Wenn man den Weg der Flucht auf sich genommen hat, muss es sich auch lohnen. Wenn es gut läuft, muss es sich für beide Seiten lohnen, für die Flüchtlinge und für Deutschland. Ich bin der festen Überzeugung, dass das geht“, so die engagierte 75-Jährige. Weiter betonte sie, dass Flüchtlinge nicht Deutsch lernen dürfen, sondern müssen. „Wir müssen das von ihnen verlangen, sonst haben sie gar keine Chance.“

Kompetent und gut vorbereitet führte Steffi Neu, Moderatorin von WDR 2, durch die interessante Talkrunde. Dabei ließ sie es wie immer nicht am nötigen Humor fehlen, ohne dabei den Ernst des Themas aus dem Fokus zu verlieren.

Nach einer kleinen Stärkung und intensiven Gesprächen endete der Abend wie in den Vorjahren mit der Vorführung eines Kinofilms. Gezeigt wurde die clevere und auf das Veranstaltungsthema abgestimmte  Satire „Willkommen bei den Hartmanns“. Der Film handelte von einer gut situierte Münchner Familie, die einen Flüchtling in ihren Reihen willkommen heißt. Angelika Hartmann (Senta Berger) fasst einen folgenschweren Entschluss, der ihre harmonische Familie auf den Prüfstand stellt: Aufgewühlt von den Ereignissen, will sie einen Flüchtling in ihrem Haus aufnehmen. Der Schwarzafrikaner erweist sich als freundlicher junger Mann, was allerdings nicht verhindern kann, dass die ganze Umwelt der Hartmanns aufgrund seiner bloßen Anwesenheit durchzudrehen scheint. Die Lage eskaliert, die Polizei wird ebenso auf den Plan gerufen wie Islamisten, und bei den Hartmanns hängt der Haussegen schief. Heiner Lauterbach spielt an der Seite von Uwe Ochsenknecht. Und mit Elyas M'Barek und Florian David Fitz sind auch zwei junge Topstars mit von der Partie.
Die begeisterten, aber auch nachdenklich gestimmten Damen wurden vom Marketingteam der VR-Bank mit einer Rose verabschiedet und erkundigten sich bereits nach dem Termin der Frauenpower-Veranstaltung in 2019.